Eine wahre Geschichte

An einem Wochentag irgendwann Anfang März 2022, dem Beginn des dritten Corona-Jahres.*

Ich sitze auf der Arbeit und versuche die seit Tagen und Wochen liegengebliebenen E-Mails, Telefonate, Akten, Anfragen, Schriftstücke und vieles weitere abzuarbeiten. Dann plötzlich, das Handy klingelt, auf dem Display blinkt in großen Lettern „Kita“, kurze Schockstarre. Durch meinen Kopf schießt blitzschnell der Gedanke „Schalte es einfach stumm und tu für die nächsten 30 oder sogar 45 Minuten so als hättest du es einfach nicht gehört.“ Den Gedanken noch nicht zu Ende geführt folgt unvermittelt das mütterliche Gewissen „Aber was, wenn mein Sohn einen Unfall hatte, vielleicht sogar so schlimm, dass er bereits auf dem Weg ins Krankenhaus ist? Was, wenn er krank ist und es ihm ganz schlecht geht? Was, wenn er in der Kita sitzt und weint und zu Mama und Papa möchte, damit er sich wohlig warm in ihre Arme kuscheln kann?“ „Nein, nein“, höre ich eine Stimme ganz hinten im Kopf, die immer lauter und lauter wird, „es ist bestimmt wieder nur ein Corona-Fall, so wie die letzten Male auch.“ Wie viele waren es in den vergangen sechs bis acht Wochen nochmal? Ich weiß es nicht, ich habe aufgehört zu zählen. Die Arbeits-pflichtbewusste Stimme schreit nun fast „Hopp, arbeite wenigstens noch die drei wichtigsten E-Mails ab. Dann kannst du zurückrufen und nachfragen was los ist. Du weißt doch, dein Job hängt an einem seidenen Faden, du bist nur befristet angestellt, die Entfristung werden sie dir aufgrund deiner ständigen Dienstausfälle nie anbieten.“ „Aber ich lebe doch in Deutschland und werde versorgt werden, ALG zu beziehen ist nun auch keine Schande“, versuche ich das Arbeitsgewissen und die Zukunftsängste abzuwürgen. „Ja aber die Eigentumswohnung oder das Häuschen was ihr Euch leisten wollt, raus aus der zweieinhalb Zimmerwohnung…. Mit ALG bekommt ihr nie einen Kredit.“ Bähm, das sitzt, voller Sieg der Arbeitsstimme, mein Kind schafft das schon, er wird schon nicht traumatisiert sein, selbst wenn er alleine im Krankenwagen zur Uni-Klinik fahren muss. Ich schreibe zwei weitere Sätze in meiner soeben angefangen E-Mail. Wieder das Handy, wieder die Kita. „Das ist aber nun doch sehr penetrant. Vielleicht ist ja doch was mit meinem Kind.“ Die Müttergefühle gewinnen nun doch, ich hebe ab. „Ja Hallo Frau Neumann, hier Martina von der Kita Sonnenschein, gut dass wir Sie erreichen. Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir schon wieder einen positiven Fall in der Kita haben und Sie ihren Sohn unverzüglich abholen müssen. Wie Sie ja wissen, wenn der PoC-Test negativ ausfällt, kann er morgen wiederkommen.“ Also doch, wieder „nur“ ein Corona-Fall, der eine von vielen in einer ganzen Reihe, ach hätte ich das Handy doch einfach klingeln lassen. Ich werfe einen kurzen Blick auf meine Ablage und seufzte, „Nein der Papa kann heute nicht abholen, der hat wieder seine selbstmordgefährdete Jugendliche in Beratung und danach kommt doch der Kleine, der es sich nach zwei Jahren anhaltender Pandemie so massiv sozial schwer tut in der Interaktion mit anderen Kindern in der Kita. Und die Arbeitnehmende Mutter mit Burn Out, bei der eine Kindeswohlgefährdung droht hat auch heute einen Termin, oder war es Morgen? Ach egal.“ Ich setzte meine FFP2-Maske auf und gehe in den Nebenraum zu meinem Vorgesetzten. „Herr Fürth, es tut mir leid, wir haben wieder einen positiven Fall in der Kita und ich muss mein Kind abholen. Ja ich weiß, dass wir noch viel zu tun haben aber mein Mann kann heute wirklich nicht. Ich versuche aber mich heute Abend nochmal dranzusetzten und noch ein wenig abzuarbeiten. Wenn nicht dann am Wochenende.“ Um meine Kollegen zu schützen, von denen viele kurz vor Renteneintritt stehen, werde ich nun wieder ein paar Tage von zu Hause arbeiten. Immerhin sollte man die Inkubationszeit beachten, fällt der Schnelltest in 5 Tagen erneut negativ aus, kann ich ja wieder ins Büro gehen. Die letzten zwei Jahre habe ich es ja auch am heimischen Tisch gut geschafft und immerhin haben wir nun auf der Arbeit ein Programm mit dem man bei Videokonferenzen das Hintergrundbild ändern kann, sodass nicht jede/r Kollege/in oder externe Dienstleister unser Schlafzimmer zu Gesicht bekommt. Und meiner Bandscheibe geht es doch seit drei Wochen auch schon wieder viel besser, die zurückkommenden Schmerzen bilde ich mir vermutlich nur ein. Vielleicht hat sich ja doch ein Schmerzgedächtnis gebildet, das sollte ich mal abklären gehen. Wenn es allzu schlimm wird, kann ich ja auch eine Ibu einwerfen, Magentabletten müssten noch da sein.
Ich packe also meinen Laptop, schnappe mir die wichtigsten Unterlagen und laufe los zur Kita. „Mamaaaaaaaa da bist du ja, gehen wir jetzt in Sport?“ „Nein heute kannst du leider nicht in Sport.“ „Und darf ich morgen in den Chor? „Finn, das kann ich Dir leider nicht versprechen.“ Unvermittelt schießen die Tränen in seine kleinen, kugelrunden Augen und laufen die rosarote Wange herunter. Er wirft sich in meine Arme und fängt an zu zittern und schluchzt, „Aber Mama, ich war schon sooooooooooooooooooooooo lange nicht mehr in Sport oder beim Chor. Warum darf ich da nicht mehr hin?“ „Ich weiß, ja ich weiß doch, und ich verstehe so gut, dass dich das traurig macht. Aber du weißt doch, wegen dem doofen Corona geht das manchmal halt nicht.“ In der Tat, war er seit vier oder vielleicht doch fünft Wochen nicht mehr in Sport. Immer war irgendwas, ob Corona-Fall in der Kita oder Krankheit des Trainers. „Aber Mama, der Leon, der darf immer in Sport.“ „Ja aber du weißt doch, der Leon der ist schon groß, der geht schon in die Schule und dort tragen sie alle Maske und werden dreimal in der Woche getestet und zwar alle Kinder und wenn ein Kind positiv ist, dann dürfen alle anderen bleiben und sie testen sich für eine Woche einfach jeden Tag.“ „Aber Mama, wir testen uns doch auch in der Kita.“ „Naja Finn, weißt du, jeden Donnerstag dürfen wir Eltern euch Kinder testen lassen in der Kita, aber viele Eltern lassen ihre Kinder halt nicht testen. Und von der Politik ist es nicht gewollt, dass man Euch regelmäßig testet und alle Kinder sich testen lassen müssen.“ „Aber Mama, so ein Test ist doch gar nicht schlimm. In der Nase, da ist das doof, du und Papa müsst dann ja auch immer ganz heftig nießen, aber den machen wir in der Kita ja nicht und danach gibt es immer ein Gummibärchen.“ „Ja ich weiß, und ich bin sehr stolz auf dich. Aber weißt du, der Frühling kommt bald, dann wird das mit dem Corona besser so wie auch bei den letzten beiden Jahren und ich bin mir sicher, dann kannst du wieder regelmäßig in Sport und in den Chor gehen.“ „Ok Mama, können wir noch auf den Spielplatz?“ „Nein das geht nicht.“ „Können wir dann wenigstens kurz zum Bäcker?“ „Nein das geht auch nicht. Du weißt doch, du musst dich jetzt erstmal absondern und einen Test machen. Dann vielleicht.“ „Und der Frühling der kommt bestimmt bald?“ „Ja der kommt bald.“ „Das ist gut Mama, denn es reicht jetzt.“ „Ja da hast du Recht, es reicht!“

*Namen und Einrichtung sind fiktiv. Der Rest entspricht oder wird der Wahrheit entsprechen!

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