Stellungnahme zur Ausbildung „Sozialpädagogische Assistenz“

Der Rechtsanspruch des Bundes auf eine Betreuung ab einem Jahr und der Rechtanspruch in RLP auf eine mindestens siebenstündige durchgehende Betreuung ab zwei Jahren haben zu einer Verschärfung des Fachkräftemangels im Bereich der frühkindlichen Bildung geführt. Um mehr Kräfte ins System zu bekommen, wurden bereits der Fachkräftekatalog, der Zugang für ungelernte Vertretungskräfte und die Zugangsvoraussetzungen, um den Erzieherberuf zu erlernen, erweitert.

Nun soll eine Assistenzausbildung (zunächst als Modellversuch) auf DRQ 4 Niveau eingeführt werden.

Folgende Punkte sehen wir als Kita-Fachkräfteverband kritisch:

  • Laut Rechtsanspruch im SGBVIII hat Jedes Kind ab einem Jahr das Recht auf Bildung, Erziehung, entwicklungsgerechte Betreuung und Förderung in einer Kita oder Kindertagespflege. Damit bekennt sich unser Staat zur Institution Kita als frühkindliche Bildungseinrichtung, welche diesem Anspruch nur gerecht werden kann, wenn sie entwicklungsförderliche Rahmenbedingungen, unter denen gute frühkindliche Bildung gelebt werden kann, bietet.
  • Da Beziehung und Bildung im frühen Kindesalter in einem engen Zusammenhang stehen und frühpädagogische Bildungsangebote am Entwicklungsstand des Kindes ansetzen sowie aus der fachlich bewussten Beobachtung und Interaktion aus dem Alltag mit den Kindern heraus gestaltet und begleitet werden, sind hochwertig ausgebildete Fachkräfte grundlegend wichtig für die Arbeit in einer Kita.
  • In vielen Ländern dieser Welt arbeiten Frühpädagogen mit abgeschlossenem Studium im Elementarbereich. Deutschland hat sich dagegen entschieden, Erzieher*innen auf DRQ6 Niveau auszubilden. Das Vorhaben nun eine Ausbildung auf DRQ 4 Niveau anzubieten, die sogar laut Entwurf ohne Schulabschluss und beispielsweise einem FSJ begonnen werden kann, konterkariert die Bemühungen vergangener Jahre, die Ausbildung zu akademisieren und über das DRQ 6 Niveau der Erzieherausbildung an das Niveau anderer europäischer Länder heranzuführen.
  • Ausschlaggebend für die Idee der neuen Ausbildung ist ein Argument der Quantität, wie mehr Menschen für die Arbeit in Kitas rekrutiert werden und nicht die Frage danach, wie entwicklungsgerechte Kita-Rahmenbedingungen geschaffen werden können. Wenn wir den Vorrang des Kindeswohls (den RLP sogar in seiner Landesverfassung verankert hat) ernstnehmen und einen umfassenden Kindeswohlbegriff im Sinne der UN-Kinderrechte zugrunde legen, müsste bei allen Überlegungen zum quantitativen Ausbau des Kita-Systems die erforderliche Qualität konsequent mitgedacht werden. Stattdessen werden mit Schaffung der Sozialpädagogischen Assistenz nun auch in der Frage der Ausbildung päd. Fachkräfte die Bedarfe der Erwachsenen (bedarfsgerechte Betreuungszeiten) über die Bedarfe der Kinder (entwicklungsgerechte Bildung, Erziehung und Betreuung) gestellt.
  • Bildungsforscher wie zum Beispiel Aladin El Mafaalani oder Kai Maaz verweisen darauf, dass alle Studien der letzten 10-15 Jahre einen Abwärtstrend bei den Themen “kindliches Wohlbefinden” sowie “altersgerechte Entwicklung” und “schulische Leistungen” zeigen. Der starke quantitative Ausbau des Kita-Systems (oft auf Kosten der päd. Qualität) hat bisher nicht dazu geführt, dass die Daten in eine positive Richtung weisen. Eine Trendumkehr werden wir nur mit der Umsetzung der seit Jahren angemahnten wissenschaftlichen Mindestanforderungen an eine gute Kita-Qualität erreichen. Dazu gehören auf hohem Niveau ausgebildete Fachkräfte, die gute Rahmenbedingungen für ihre päd. Arbeit vorfinden.
  • Aktuell beginnen die Kinderzahlen aufgrund einer niedrigen Geburtenrate zu sinken. Wir stellen deshalb in Frage, ob in einigen Jahren überhaupt noch mehr Fachkräfte gebraucht werden als auf DRQ 6 Niveau in Fachschulen, aber auch in frühpädagogischen Studiengängen ausgebildet werden können. Vielleicht hinkt die Idee der Assistenzausbildung der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher?

Folgende Standards und Verbesserungen halten wir für notwendig, um dem im SGBVIII formulierten Anspruch auf Bildung und Erziehung, sowie einer dem Entwicklungsstand angemessenen Betreuung und Förderung gerecht werden zu können:

  • Die Erzieherausbildung auf DRQ 6 Niveau bleibt Grundlage, um in einer Kita als Fachkraft zu arbeiten. Der Anteil an Assistenz- und ungelernten Kräften ist niedrig zu halten. Assistenzkräfte müssen die Gelegenheit erhalten, sich berufsbegleitend zur Erzieherin/zum Erzieher weiterzubilden.
  • Die rheinland-pfälzische Sozialassistenz war nie als vollwertige Ausbildung gedacht, sondern als Weg in die Erzieherausbildung. Es wäre zu prüfen, ob es mit Sekundarabschluss 1 (mittlere Reife) als Zugangsvoraussetzung auch möglich wäre, eine vierjährige Ausbildung auf DRQ 6 Niveau anzubieten.
  • Die Arbeit in unseren Kitas ist aufgrund der immer größeren Heterogenität (Betreuung von Kindern im Klein- und Kita-Alter, mehr Kinder mit Förderbedarf und herausforderndem Verhalten, mehr Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist) zunehmend komplexer geworden. Um den Anforderungen von Bildung und Förderung gerecht werden zu können, sind Weiterbildungen und Spezialisierungen notwendig. Karrierewege in der Kita, die sich auch im Gehalt widerspiegeln, wären daher sinnvoll und wichtig.
  • Aufbauend auf der Ausbildung zum/zur Erzieher*in sollte jede Kita perspektivisch über Fachkräfte verfügen, die beispielsweise in den Bereichen Sprache, Inklusion, Kleinkindpädagogik oder Psychomotorik weitergebildet wurden, dementsprechend bezahlt werden und zeitliche Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, um ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten durch gezielte und kontinuierliche Förderung einzubringen und so zu einer echten Chancengerechtigkeit für Kinder beizutragen.

Fazit: 

Wir sehen Reformbedarf und Verbesserungsbedarf bezüglich der Personalisierung in unseren Kitas. Eine Assistenzausbildung, um die Betreuungsbedarfe abzudecken, während frühkindliche Bildung und eine am Entwicklungsstand des Kindes angemessene Förderung nicht priorisiert werden und immer weiter in den Hintergrund treten, lehnen wir ab.

Die Tatsache, dass immer mehr Kinder im Kita-Alter Entwicklungsdefizite aufweisen, sprechen für sich. Könnten unsere Kitas dem Anspruch der hochwertigen frühkindlichen Bildungseinrichtung gerecht werden, müssten die Ergebnisse von Untersuchungen und Studien in eine positive Richtung weisen. Seit Jahren sehen wir diesbezüglich leider einen gegenteiligen Trend.

Da Kitas das Fundament unseres Bildungssystems sind, brauchen wir mehr denn je auf hohem Niveau ausgebildete Fachkräfte und zusätzliche Spezialisierung.

Die sinkenden Geburtenzahlen werden in den kommenden Jahren Spielräume für qualitative Verbesserungen eröffnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Consent Management Platform von Real Cookie Banner